Seelsorge als Frühwarnsystem

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Berlin. Zu einem Jahres-Pressegespräch im Vorfeld der 62. Gesamtkonferenz Evangelischer Militärgeistlicher luden Militärbischof Dr. Sigurd Rink und Militärgeneraldekan Matthias Heimer am 17. Februar in das Evangelische Kirchenamt der Bundeswehr (EKA) nach Berlin ein. Dort berichteten sie zur Lage der Seelsorge in der Bundeswehr und gingen konkret auf die Ausrichtung der Arbeit des Evangelischen Militärbischofs an den neuen Herausforderungen für die Bundeswehr, die Seelsorge in der Bundeswehr und Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) sowie auf das Reformationsjahr 2017 im Spiegel der Arbeit der Evangelischen Militärseelsorge ein. Anschließend gab es Gelegenheit zu Fragen; Militärbischof und Militärgeneraldekan standen den Pressevertretern für Gespräche zur Verfügung.

Hinsichtlich der zunehmenden Automatisierung und Autonomisierung von Waffensystemen betonte Rink die Sichtweise der Kirche, dass am Ende der Entscheidungskette der Mensch stehen muss. Kein Algorithmus von Maschinen oder Computerprogrammen darf Auslöser einer Gewaltanwendung sein, es sei auch menschliche Intuition erforderlich, um richtige Entscheidungen zu treffen.

Heimer konnte mit der guten Nachricht aufwarten, dass sich das 2012 zunächst auf fünf Jahre angelegte Projekt „Seelsorge für unter Einsatzfolgen leidende Menschen“ zum Jahreswechsel als eine Grundaufgabe von Militärseelsorge in ein dauerhaftes Arbeitsfeld „ASEM“ („Arbeitsfeld Seelsorge für unter Einsatzfolgen leidende Menschen“) verstetigt habe, welches nicht nur Soldatinnen und Soldaten, sondern auch in deren Umfeld von Einsatzfolgen betroffene Menschen Hilfe anbiete.

Militärbischof Rink erinnerte auch an die „vergessenen Veteranen“. Bei Hilfeleistungen könne es nicht nur um die aktiven Soldaten gehen, sondern auch die ausgeschiedenen Soldaten dürften nicht in Vergessenheit geraten. Die Kirche leistet hierbei ergänzend zur Bundeswehr Hilfe, um sich um die Folgen der Einsätze für diese Menschen zu kümmern.

Bezüglich einer geplanten Erhöhung des Verteidigungshaushaltes erwartet der Militärbischof einen politischen Verständigungs- und Aushandlungsprozess, um die konkrete Höhe des Etats festzulegen. Hierbei sei es jedoch notwendig, auch die finanziellen Mittel für eine Krisenvor- und -nachbereitung entsprechend zu erhöhen. Heimer ergänzte die Ausführungen zu den internationalen Friedensbemühungen mit den Worten, dass zwar „kein Soldat Frieden schafft, aber sie können den Rahmen dafür schaffen“.

Angesprochen auf die Vorgänge in Pfullendorf, von wo von sexuellen und sadistischen Übergriffen auf Ausbildungssoldaten berichtet wird, drückte Rink nochmals seine Betroffenheit aus. Er wies darauf hin, wie anfällig gerade geschlossene Systeme – wie auch die Bundeswehr mit ca. 250.000 Menschen an rund 250 Standorten – für solche Vorkommnisse seien. Es gelte, die Militärgeistlichen an den Standorten zu sensibilisieren und ein Frühwarnsystem zu etablieren, welches schnell auf solche Missstände reagieren kann.

Heimer hob hervor, dass die Militärgeistlichen ihre Chance nutzen sollten, ggf. als unabhängige Beobachter einzugreifen. „Wenn man etwas mit eigenen Augen sieht, muss man die Dinge auch benennen“, so der Militärgeneraldekan. Er habe jedoch den Eindruck, dass die Bundeswehr im Bereich der Menschenführung einen sehr hohen Standard erfülle.

Zuletzt wurde noch die Problematik von „Fake News“ thematisiert, bei denen unbescholtene Bürger mit Lügen konfrontiert werden. Zunehmend richten sich solche Falschmeldungen auch gegen Soldatinnen und Soldaten. Auch hier sei Seelsorge gefragt. In mehreren Ländern sei ein solches Geschehen „wohl Teil einer psychologischen Kriegsführung“, so der Bischof. Heimer ergänzte, dass Cyber War weltweit stattfindet und auch Deutschland sich somit in einem Zustand zwischen Frieden und entsprechender Auseinandersetzung befinde.

Die jährliche Gesamtkonferenz bietet den evangelischen Militärgeistlichen Gelegenheit, auf das Vergangene zurückzublicken, Pläne für die nächsten Monate konkret zu machen und den Standort ihrer Arbeit in der „Kirche unter den Soldaten“ zu bestimmen. Unter dem biblischen Motto „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist“ findet sie vom 20. – 24. Februar 2017 statt. Eine besondere Prägung wird die Konferenz durch den 60. Jahrestag der Unterzeichnung des Militärseelsorgevertrages zwischen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Bundesrepublik Deutschland am 22. Februar 1957 erhalten.

Quelle: Militärseelsorge