Kreativ die Lasten des Einsatzes tragen

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Seelsorge für Soldatinnen und Soldaten auf kreative Weise – damit begann im Sommer 2017 Militärpfarrerin Haike Ranke (Penzing/Altenstadt) im Rahmen ihrer Arbeit. Die Seelsorgerin schuf damit eine Tradition, die genau auf die Bedürfnisse von Bundeswehrangehörigen im Einsatz zugeschnitten war: Kreatives Gestalten mit Paracord. Es handelt sich dabei um Schnüre, die ursprünglich aus der Fallschirmfliegerei stammen. Sie werden in spezieller Weise geknotet, geschlungen und geknüpft, so dass kunstvolle Armbänder, Schlüsselanhänger, Kreuze, Anker, Figuren u.a. entstehen.

Was den Eindruck kindlicher Beschäftigungsmaßnahmen erwecken mag, hat jedoch einen tieferen und sehr wirksamen Effekt. Mit dem Paracord-Schnüren wird die Kreativität angeregt. Das gleichmäßige, konzentrierte Knoten beruhigt so manche aufgewühlte Seele. Gerade für die Kameraden, die im feinmotorischen und gestalterischen Bereich ihre Gaben haben, ist das Knüpfen ein willkommener Ausgleich zum Dienstbetrieb. Andererseits ist das Knüpfen eine hervorragende Beschäftigung für solche Dienstphasen, in denen die Anforderungen zeitweise weniger hoch sind. Nicht zuletzt sind die Werkstücke ein beliebter Gruß nach Hause: Die fertigen Bänder lassen sich leicht in einen Brief beilegen und passen immer in den Rucksack. Sie symbolisieren die emotionelle Verbindung zwischen Partnern, Familien, ihren Kindern und den einsatzbedingt für längere Zeit nicht Daheim verbleibenden Elternteilen/Partnern. Auch deshalb trat das Paracord-Knüpfen seinen Siegeszug auf der Beliebtheitsskala der Soldaten an.

So kam es, dass beispielsweise ein Kamerad, der kurz vorm Auslandseinsatz stand, zu Militärpfarrerin Ranke kam und sagte: „Ich fliege ja morgen früh raus, aber könnten Sie vielleicht mit mir noch zwei Armbänder machen? Ich konnte am letzten Samstag nicht, und möchte gerne noch ein ganz persönliches Mitbringsel für meine Söhne haben.“ Nicht nur das Basteln, sondern auch das Gespräch mit der Militärpfarrerin wurde daraufhin sehr intensiv.

Ähnliches passierte eine Woche später, als ein Kamerad fragte, ob er außerplanmäßig noch ein paar Schnüre haben könne – er wolle in Ruhe ein schwereres Muster ausprobieren. Das Aussuchen der passenden Schnüre dauerte dann fast eine Stunde, weil zwischen den Schnüren die Verwicklungen des Lebens zur Sprache kamen und so manche Antwort auf Lebensfragen gefunden wurde.

Nicht nur in solchen Einzelgesprächen, auch in der Bastelgruppe von Militärpfarrerin Ranke, zu der jeden Samstag bis zu zwölf Kameradinnen und Kameraden hinzustoßen, werden in lockerer Runde Fragen des Lebens diskutiert. Ranke erklärt: „Ein Wort folgt auf das andere, an frühere Erfahrungen wird angeknüpft und gemeinsam spürt man: Im Gespräch miteinander kann man die Lasten des Einsatzes besser tragen. Die Paracord sind dafür perfekte Türöffner.“

Ähnliches weiß Militärpfarrer Gunther Wiendl zu berichten, der gegenwärtig  bei der Mission Counter Daesh in Al Asraq/Jordanien seinen seelsorgerlichen Dienst tut. Sogar dort ist das Paracord inzwischen ein wichtiger Ansprechpunkt im Lager geworden. Etwa 70 Kameraden haben sich der kreativen Arbeit bereits zugewandt. Militärpfarrer Wiendl berichtet: „Jeden Tag werde ich deswegen zwei bis drei Mal kontaktiert. Manch einer zeigt mir mit Stolz seine Ergebnisse oder neue Muster, die er sich mit Hilfe von Youtube erarbeitet hat oder berichtet von der Freude, die das Paracord als Geschenk zu Hause ausgelöst hat, vor allem bei den Kindern, die durch das Armband in der Zeit der Abwesenheit ein Teil von Papa mit sich herumtragen können.“

Beide Militärseelsorger hatten sich zwischenzeitlich nach den bisherigen Erfolgen mit dem Paracord-Knüpfen mit einem Gruß an die OASE-Einsatzbetreuung von KAS und EAS gewandt: „Herzlichen Dank an dieser Stelle an die OASE-Einsatzbetreuung von KAS und EAS, welche die Materialien für unsere Soldaten bereitstellt hat!“

Ermöglicht wurde die Paracord-Knüpfaktion mit Unterstützung der OASE-Einsatzbetreuung, einer ökumenischen Initiative von Evangelischer Arbeitsgemeinschaft für Soldatenbetreuung (EAS) und Katholischer Arbeitsgemeinschaft für Soldatenbetreuung (KAS). Sie hat die Materialien zu der Aktion kostenfrei beschafft und bereitgestellt. Seit 20 Jahren engagieren sich die beiden Organisationen überall dort, wo deutsche Soldatinnen und Soldaten im Einsatz sind. Schwerpunkt ist dabei der Betrieb gastronomischer OASE-Betreuungseinrichtungen und die Organisation und Durchführung von Konzerten. Auch Beschaffungsmaßnahmen für die Bundeswehrangehörigen gehören zum Aufgabenfeld der OASE.

Text: KAS/Daniel Bigalke