Berlin, 10. Juni 2026. Mit der Einführung des Neuen Wehrdienstes steht die Bundeswehr vor tiefgreifenden Veränderungen. Geplanter Personalaufwuchs, neue Zielgruppen und veränderte gesellschaftliche Erwartungen stellen nicht nur Ausbildung und Führung vor neue Herausforderungen, sondern auch die Begleit- und Betreuungsstrukturen. Vor diesem Hintergrund lud die Evangelische Arbeitsgemeinschaft für Soldatenbetreuung (EAS) am vergangenen Montag zur Podiumsdiskussion „Wehrdienst im Wandel: Betreuung neu denken“ in das Haus der Evangelischen Militärseelsorge in Berlin ein. Mehr als 60 Gäste aus Bundeswehr, Politik, Militärseelsorge und Gesellschaft diskutierten darüber, wie Betreuung, Fürsorge und Begleitung künftig ausgestaltet werden müssen, um den Anforderungen einer wachsenden, sich wandelnden Bundeswehr gerecht zu werden.
Zum Auftakt begrüßte der Leitende Militärdekan des Evangelischen Militärdekanats Nord und EAS-Vorstandsmitglied Ernst Raunig die Gäste im Namen des Vorstandes. Er betonte die Bedeutung einer zukunftsfähigen Betreuungslandschaft und stellte die hochkarätig besetzte Diskussionsrunde vor: den Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestages Henning Otte, Generaloberstabsarzt Dr. Ralf Hoffmann, in seiner Doppelfunktion als Vorstandsvorsitzender der EAS und Befehlshaber des Zentralen Sanitätsdienstes der Bundeswehr, Militärdekanin Claudia Brunnmeier-Müller vom Bundeswehrzentralkrankenhaus Koblenz, Kapitän zur See Stephan Küttler, Referatsleiter SK III 5 Betreuung und Fürsorge im Bundesministerium der Verteidigung sowie Oberst i.G. Andreas Nehring, Abteilungsleiter J1 im Operativen Führungskommando der Bundeswehr. Als Vertreterin der jungen Generation von Bundeswehrangehörigen brachte Hauptmann Laura Steindorf ihre Perspektive als Hörsaalleiterin an der Schule für Feldjäger und Stabsdienst der Bundeswehr ein. Die Moderation der Diskussionsrunde übernahm die Sicherheitspolitik-Journalistin Julia Weigelt.
Unter dem Titel „Wehrdienst im Wandel – Betreuung neu denken“ richtete sich der Blick anschließend auf die Auswirkungen des Neuen Wehrdienstes auf die Betreuungs- und Fürsorgestrukturen der Bundeswehr. Im Zentrum der Diskussion standen Fragen nach den Erwartungen einer neuen Generation von Soldatinnen und Soldaten, den Herausforderungen eines möglichen Personalaufwuchses sowie den Konsequenzen für bestehende Unterstützungsangebote.
Ein Gesetz mit weitreichenden Folgen
Zum Einstieg skizzierte Weigelt die Eckpunkte des neuen Wehrdienst-Modernisierungsgesetzes. Ziel des Gesetzes sei es, die Bundeswehr personell deutlich zu stärken und die Zahl der aktiven Soldatinnen und Soldaten bis 2035 von derzeit rund 180.000 auf 260.000 zu erhöhen. Gleichzeitig solle die Reserve ausgebaut werden. Seit Jahresbeginn wurden rund 200.000 Fragebögen an junge Männer und Frauen verschickt, wobei Männer diesen verpflichtend beantworten müssen. Ab 2027 ist eine verpflichtende Musterung für alle wehrdiensttauglichen Männer vorgesehen. Der neue Wehrdienst soll dabei auf Freiwilligkeit setzen, gleichzeitig aber verbindliche Elemente enthalten.
Mit Blick auf ein mögliches Szenario von 30.000 bis 50.000 zusätzlichen Rekrutinnen und Rekruten stellte die Moderatorin die zentrale Frage des Abends: Sind die bestehenden Betreuungsstrukturen auf einen solchen Aufwuchs vorbereitet?
Gesellschaftlicher Wandel verändert Erwartungen
In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, wie stark sich die Rahmenbedingungen für Betreuung in den vergangenen Jahrzehnten verändert haben.
Oberst i.G. Andreas Nehring erinnerte an seine eigene Wehrdienstzeit Mitte der 1980er Jahre. Damals sei der Dienst bei Bundeswehr oder Zivildienst für viele junge Menschen eine Selbstverständlichkeit gewesen. Heute stünden individuelle Lebensentwürfe stärker im Vordergrund. Gleichzeitig hätten Digitalisierung und soziale Medien die Informations- und Kommunikationskultur grundlegend verändert. „Die Erlebniswelt junger Menschen heute ist eine andere – und darauf müssen wir uns einstellen“, betonte Nehring.
Militärdekanin Claudia Brunnmeier-Müller verwies auf die veränderten Anforderungen an Betreuung und Begleitung. Themen wie Resilienz, Burnout-Prävention, Salutogenese und Achtsamkeit spielten heute eine deutlich größere Rolle als noch vor wenigen Jahrzehnten. Zugleich erlebe sie viele junge Soldatinnen und Soldaten, die sich sehr bewusst für ihren Dienst entschieden hätten und ihre Motivation klar benennen könnten. Räume für Begegnung, Gemeinschaft und persönliche Gespräche seien deshalb wichtiger denn je.
Auch der Wehrbeauftragte Henning Otte sieht einen deutlichen Wandel. Nach dem Ende des Kalten Krieges sei die Wahrnehmung der Bundeswehr in der Gesellschaft zurückgegangen. Mit der veränderten sicherheitspolitischen Lage und dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine sei das Thema Verteidigungsfähigkeit jedoch wieder stärker in den Fokus gerückt. Nun gelte es, das gesellschaftliche Bewusstsein für die Bedeutung der Streitkräfte weiter zu stärken.
Die Generation Z als Chance
Einen besonderen Schwerpunkt nahm die Diskussion über die Erwartungen junger Menschen ein. Generaloberstabsarzt Dr. Ralf Hoffmann berichtete von einer Rücklaufquote von über 80 Prozent bei den Fragebögen zum neuen Wehrdienst. Dies zeige, dass das Thema auf großes Interesse stoße und viele junge Menschen bereit seien, sich dadurch erstmals aktiv mit dem Dienst in den Streitkräften auseinanderzusetzen.
Kapitän zur See Stephan Küttler beobachtete dabei sehr unterschiedliche Beweggründe: berufliche Perspektiven, persönliche Entwicklung, sportliche Herausforderungen oder das Bedürfnis nach Orientierung. Daraus ergebe sich die Herausforderung, Betreuungs- und Fürsorgeangebote flexibel auf unterschiedliche Lebenssituationen und Motivationen auszurichten.
Hauptmann Laura Steindorf plädierte dafür, die junge Generation nicht als Problem, sondern als Ressource zu betrachten. Junge Menschen seien heute häufig reflektiert, stellten Fragen und suchten nach Sinnhaftigkeit in ihrem Handeln. Das fordere Führungskräfte und Ausbilder heraus, eröffne aber gleichzeitig große Chancen. Aus ihren Gesprächen mit Offizieranwärterinnen und Offizieranwärtern nehme sie vor allem eines mit: „Die wollen machen. Die wollen lernen. Die wollen Sinn in ihrer Ausbildung erkennen.“
Betreuung als Kernauftrag
Im weiteren Verlauf der Diskussion stand die Frage im Mittelpunkt, welche Ziele moderne Betreuung eigentlich verfolgt. Für Hoffmann umfasst Betreuung weit mehr als Freizeitangebote. Betreuung reiche von der Begleitung nach belastenden Einsätzen über Unterstützung in schwierigen Lebenssituationen bis hin zur Förderung der Work-Life-Balance sowie der Vermittlung von Werten und Orientierung. Er betonte die Herausforderung, unterschiedliche Betreuungsansätze für verschiedene Zielgruppen anzubieten und regelmäßige Evaluationen durchzuführen.
Küttler berichtete von einer bundesweiten Befragung mit rund 5.000 Teilnehmenden. Die Ergebnisse hätten gezeigt, dass 50 Prozent der Soldatinnen und Soldaten die Betreuungsbüros zwar kennen, sie aber noch nie besucht haben. Daraus seien neue Konzepte entstanden, die stärker auf Gemeinschaftserlebnisse und Teamaktivitäten setzen.
Nehring hob insbesondere die Bedeutung von Kameradschaft hervor. Diese sei zwar schwer messbar, bilde jedoch eine zentrale Grundlage militärischer Einsatzbereitschaft. Ebenso wichtig sei die Einbindung von Familien, deren Belastungen und Bedürfnisse künftig noch stärker berücksichtigt werden müssten.
Zwischen Fürsorge und kritischer Begleitung
Auch das Rollenverständnis der Betreuungsorganisationen wurde kritisch diskutiert. Aus Rückmeldungen von Soldatinnen und Soldaten zitierte die Moderatorin Stimmen, die Betreuung teilweise als bloßes „Abmildern unangenehmer Umstände“ beschrieben oder Betreuungsbüros mit „Knastbibliotheken“ verglichen.
Für die Podiumsteilnehmer war jedoch klar: Betreuung ist kein Zusatzangebot, sondern Teil der Fürsorgepflicht des Dienstherrn. „Betreuung ist kein Nice-to-have“, stellte Henning Otte klar. Gleichzeitig müsse Betreuung unterschiedliche Zielgruppen erreichen und sich an deren tatsächlichen Bedürfnissen orientieren. Küttler betonte, dass Betreuung nicht verordnet werden könne, sondern von allen Beteiligten aktiv gelebt werden müsse.
Digitale Angebote gewinnen an Bedeutung
Auch die Digitalisierung spielte in der Diskussion eine wichtige Rolle. Militärdekanin Brunnmeier-Müller berichtete von positiven Erfahrungen mit seelsorgerischer Kontaktaufnahme über soziale Medien. Küttler verwies auf neue technische Lösungen, etwa verbesserte Kommunikationsmöglichkeiten im Einsatz oder moderne Internetangebote an Standorten der Bundeswehr.
Einigkeit bestand darin, dass digitale Formate klassische Begegnungsräume nicht ersetzen können, diese aber sinnvoll ergänzen.
Betreuung sichtbar machen und weiterentwickeln
In der Abschlussrunde richteten die Podiumsgäste den Blick nach vorn. Hoffmann sprach sich dafür aus, Betreuung von Beginn an als selbstverständlichen Bestandteil des Dienstes zu vermitteln. Küttler warb für Kontinuität bei bereits angestoßenen Reformen. Nehring plädierte für eine stärkere Einbindung von Familien. Brunnmeier-Müller kündigte an, noch präsenter auf die Menschen zuzugehen und Begegnungen aktiv zu suchen. Otte versprach, die Entwicklungen weiterhin aufmerksam zu begleiten und die gewonnenen Erkenntnisse in seine Arbeit als Wehrbeauftragter einzubringen.
Die Diskussion machte deutlich: Mit dem Neuen Wehrdienst wächst nicht nur die Bundeswehr. Auch die Anforderungen an Betreuung, Fürsorge und Begleitung verändern sich grundlegend. Soll die Gewinnung zusätzlicher Soldatinnen und Soldaten langfristig erfolgreich sein, werden verlässliche Unterstützungsangebote, persönliche Begleitung und starke Gemeinschaften zu entscheidenden Faktoren. Die Zukunft der Betreuung wird sich daran messen lassen müssen, wie gut sie die Lebenswirklichkeit einer neuen Generation erreicht und zugleich die Einsatzbereitschaft der Streitkräfte stärkt.
Im Anschluss an die lebhafte Diskussionsrunde nutzten die Gäste die Gelegenheit, bei einem Imbiss mit Umtrunk die Gespräche in persönlicher Runde fortzuführen und die angesprochenen Themen weiter zu vertiefen.























